Diagnosen

Wer hat noch keine bekommen in seinem Leben? Sie sind der Alltag bei ärztlicher Behandlung.

Sie dienen dazu, dem Kind einen Namen zu geben und somit handlungsfähig zu werden. Ist erst die Diagnose da, weiss der Arzt, was zu tun ist. Er kann jetzt die seinem Wissenstand entsprechende Therapie anwenden und seinem Eid nachkommen, den er geleistet hat. Ein Blick auf Behandlungserfolge, zur Verfügung stehende Operationsmethoden und generell die Möglichkeiten der Schulmedizin lässt mich in großem Respekt innehalten. Welcher Fortschritt wurde hier in nur wenigen Jahrzehnten erreicht. Doch wie immer im Leben, wo Licht, da ist auch Schatten. Es ist die Fixierung auf den Idealmenschen, die dazu führt, dass immer neue Diagnosen auf den Markt kommen. Den Beitrag der Pharmalobby und den gesellschaftlichen Zwang nach Konformität sehe ich, möchte ihn hier aber beiseite lassen. Jedes Verhalten, das von der sogenannten Norm abweicht, bekommt heutzutage eine Diagnose. Doch wer legt die Norm fest und ist sie so flexibel gestaltet, dass sie sich den Entwicklungen des modernen Menschen anpasst? Was soll es beispielsweise bedeuten hochsensibel zu sein? Können vielleicht immer mehr Menschen subtiler, besser und emotionaler wahrnehmen als es in der Kriegsgeneration der Fall war? Und trifft diese Fähigkeit nicht gleichzeitig auf eine Welt, die immer reizintensiver wird? Wäre es nicht auch eine Möglichkeit, jemanden, der vor 200 laufenden Fernsehern im Media Markt nicht die Nerven verliert als stumpf zu bezeichnen? Nein, wäre es natürlich nicht. Denn wo kein Problem, da auch keine Notwendigkeit einer Diagnose. Ich hoffe, ich konnte deutlich machen, dass ich die Notwendigkeit von Diagnosen durchaus erkannt habe. Die Frage für mich lautet: sind sie hilfreich und kann man eine Diagnose auch wieder zurückgeben? Aus meiner Erfahrung werden zum Beispiel gerade im psychiatrischen Bereich, wo das Verständnis der Zusammenhänge noch nicht ganz so ausgeprägt ist wie bei Herz, Leber und Niere, gerne sehr viele Diagnosen gestellt, die einmal aufgeschrieben nur noch ganz schwer zurückgenommen werden. Bei mir sind es mittlerweile mindestens 10. Was macht das mit mir? An guten Tagen lache ich darüber, an schlechten sehe ich mich nur noch als Problem. Gehe ich mit diesen Diagnosen zu einem neuen Arzt, habe ich keine Chance als Ich gesehen zu werden. Verschweige ich sie, bekomme ich meist eine neue die sich dann einreihen kann in die „Hall of Fame“. Sehr schnell ist man im psychiatrischen Bereich auch mit der Vermutung, „das wird Sie wohl Ihr Leben lang begleiten“. Das mag in vielen Fällen stimmen, aber was soll diese Aussage bringen? Mir von vornherein den Mut und die Kraft nehmen an eine Änderung zu glauben? Meine eigene Lebenserfahrung zeigt das Gegenteil. Keine der getroffenen Diagnosen hielt lange stand. Sie waren zu dem Zeitpunkt des Aussprechens alle nachvollziehbar, aber hiermit bitte ich um die Löschung meiner Akte. Ich möchte die Freiheit haben, in gesunden Phasen auch diagnosefrei zu sein und melde mich, wenn sich ein Problem auftut für eine neue Runde des „ich sag Dir was Dein Fehler ist“-Spiels. In meiner Arbeit als Coach darf ich keine Diagnosen stellen. Was für ein Segen! Ich darf jeden Klienten jedesmal neu sehen und gebe mein Bestes, dies auch zu tun. Gerne helfe ich Dir dabei, Dich wieder als Mensch und Individuum abseits Deiner Diagnosen wahrzunehmen.

2 Gedanken zu „Diagnosen“

  1. Diesen Text habe ich gerade gebraucht. Danke. Ich wünschte, ich hätte keine Diagnose für mein Problem angestrebt. Denn besser geht es mir dadurch nicht und sie verändert mein Leben und meine zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich habe Sie in der MDR Doku gesehen und dann gesucht und gefunden. Und wünsche Ihnen nur das Allerbeste für Ihr Leben.

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